Shownotes.
Am 3. Januar 2000 tritt John Koskinen, Jahr-2000-Beauftragter des US-Präsidenten, vor die Presse und erklärt, der Millennium-Bug sei zerquetscht worden. Drei Tage zuvor hatten Regierungen Lagezentren besetzt, Konzerne ihre Rechenzentren doppelt bemannt, Bürgerinnen und Bürger Bargeld gehortet, Generatoren gekauft, in Einzelfällen Bunker bezogen. Dann wanderte Mitternacht um den Globus — und es passierte fast nichts. Seither streiten zwei Lager um dieselbe Nacht: die einen sehen die teuerste Panik der Geschichte, geschätzte 300 bis 600 Milliarden Dollar für ein Scheinproblem. Die anderen die erfolgreichste Vorsorgeoperation, deren Ergebnis gerade deshalb unsichtbar blieb, weil sie funktionierte.
Der Streit ist mehr als eine historische Fußnote. Er ist ein Lehrstück darüber, wie sich Vorsorge gegen sich selbst wendet, sobald sie glückt.
Ein Fehler aus Sparsamkeit
Der Jahr-2000-Fehler war keine Panne, sondern eine Sparmaßnahme. In den Anfangsjahren der Computerei war Speicherplatz kostbar, also schrieben Programmierer Jahreszahlen zweistellig. Aus 1963 wurde 63, die 19 dachte sich die Maschine dazu. Vernünftig, solange niemand erwartete, dass diese Programme Jahrzehnte überleben würden. Sie überlebten Jahrzehnte. Und ein Rechner, der im Jahr 00 aufwacht, kann es für 1900 halten, mit allem, was daraus folgt, wenn Software Zinsen berechnet, Fristen prüft, Alter bestimmt oder Wartungsintervalle plant.
Gewarnt wurde früh. Der Informatikpionier Bob Bemer, einer der Mitentwickler von COBOL, veröffentlichte ab 1971 Warnungen und wurde überhört. Erst ein dreiseitiger Text des kanadischen Beraters Peter de Jager, erschienen am 6. September 1993 in Computerworld unter dem Titel „Doomsday 2000", brachte das Fachthema auf die Weltbühne. De Jager schätzte die weltweiten Reparaturkosten damals auf 50 bis 70 Milliarden Dollar und sollte sich, seltene Pointe bei Propheten, deutlich unterschätzt haben. Die späteren Schätzungen der Gartner-Analysten lagen zwischen 300 und 600 Milliarden.
Um die technische Frage herum wuchs ein Markt: Ratgeber, Vorratspakete, Notstromaggregate. Der Ökonom Ed Yardeni bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Rezession auf 70 Prozent. Der Endzeit-Publizist Gary North sagte den Zusammenbruch der Zivilisation voraus. Und dazwischen arbeiteten hunderttausende Programmierer daran, alte Systeme zu prüfen, Jahreszahlen umzustellen oder mit Behelfstricks über die Schwelle zu retten.
Die Nacht, in der nicht nichts passierte
„Es ist ja nichts passiert" stimmt nicht ganz. Die Countdown-Webseite des US Naval Observatory, immerhin der Instanz hinter der amtlichen Zeit, zeigte am 1. Januar das Datum 19100. Im japanischen Kernkraftwerk Onagawa übertrug die Anlage ab zwei Minuten nach Mitternacht zehn Minuten lang bestimmte Überwachungsdaten nicht; im Kraftwerk Shika stotterte die Anzeige eines Sicherheitssystems. Der sichere Betrieb, so die Behörden, war nicht beeinträchtigt. In Virginia konnte eine Bodenstation die Daten amerikanischer Spionagesatelliten stundenlang nicht auswerten — Ursache war, ironischerweise, ein fehlgeschlagener Jahr-2000-Patch.
Ein Fall verbietet jede Leichtigkeit. Im englischen Sheffield berechnete ein Laborsystem, das Schwangeren-Screenings für mehrere Krankenhäuser auswertete, nach dem Jahreswechsel das Alter der Frauen falsch. Von Anfang Januar bis Ende Mai fiel das niemandem auf. 154 Schwangere erhielten dadurch potenziell falsche Risikoeinschätzungen zum Down-Syndrom. Vier Kinder mit Down-Syndrom kamen nach falscher Entwarnung zur Welt. Zwei Schwangerschaften wurden nach verspäteter Diagnose noch abgebrochen.
Der Programmierfehler hat kein Kind krank gemacht, sein dokumentierter Preis besteht in falscher Information, in verzögerter Diagnostik und in Entscheidungen, die Eltern unter den denkbar schwersten Bedingungen treffen mussten.
Sheffield ist kein Beweis für die Größe der abgewendeten Katastrophe. Aber es ist ein Blick durchs Schlüsselloch auf das, was in ungezählten anderen Systemen hätte geschehen können, um die sich niemand gekümmert hätte. Bemerkenswert daran: Der Fall ereignete sich in einem Land, das sich intensiv vorbereitet hatte, in einem System, das durchgerutscht war.
Warum keine Seite gewinnen kann
Beide Lager haben ihre besten Argumente. Die Vorsorge-Seite verweist auf eine Befragung von Capgemini aus dem Herbst 1999: 82 Prozent von 156 großen US-Unternehmen berichteten, sie hätten bereits Jahr-2000-bedingte Ausfälle erlebt — im laufenden Betrieb, lange vor Silvester. Der Fehler war also kein theoretisches Gespenst. Er biss bereits, nur eben verstreut, klein und reparierbar.
Die Skeptiker verweisen darauf, dass auch schlecht vorbereitete Länder keine große Krise erlebten. Doch das Argument bröckelt bei Prüfung. Das berüchtigte „untätige" Italien gab allein 1999 nach Branchenschätzung 2,5 Milliarden Dollar aus; die oft zitierte Minisumme war lediglich das Bürobudget der Koordinierungsstelle. Und Länder taugen ohnehin schlecht als Kontrollgruppen — sie unterscheiden sich in Computerabhängigkeit, Systemalter und Ausweichmöglichkeiten viel zu sehr.
Das eigentliche Problem liegt tiefer und hat mit Statistik zu tun, nicht mit Ideologie. Vorsorge, die glückt, sieht im Rückblick immer aus wie Überreaktion, denn ihr bester möglicher Ausgang — es passiert nichts Großes — schwächt zugleich ihren eigenen Beweis. Der Feuerwehrmann, der löscht, hat Bilder. Der Statiker, dessen Brücke steht, hat keine.
Bewiesen ist etwas anderes, und es ist mehr wert, als es klingt: Dass die Menschheit einmal vor einer Frist, die sich durch nichts verschieben ließ, rechtzeitig angefangen hat.
Beim Montreal-Protokoll lässt sich die Wirkung an einer messbar sinkenden Belastung der Atmosphäre durch ozonabbauende Stoffe ablesen. Bei Y2K gibt es keine solche Kurve des Verhinderten. Messbar sind nur die Fehler, die auftraten, und die Reparaturen, die stattfanden. Nicht die Katastrophe, die ausblieb. Deshalb wird dieser Streit nie ganz enden. Man kann ihn nur klüger führen — mit drei Prüffragen, anwendbar auf jede Debatte von der Pandemie-Vorsorge bis zum Hochwasserschutz: Halten die Vergleiche der Prüfung stand? Was ging schon vor dem Stichtag schief? Und wem nützt die jeweilige Deutung?
Die Fortsetzung ist übrigens bereits terminiert, auf die Sekunde. Am 19. Januar 2038 um 3 Uhr 14 Minuten und 8 Sekunden Weltzeit laufen die alten 32-Bit-Zeitwerte über, mit denen Systeme in der Unix-Tradition die Sekunden zählen. Spitzname: Epochalypse. Technisch ein anderer Fehler als damals. Menschlich derselbe: eine Sparentscheidung von einst, die zur Frist von morgen wird.
Zum Weiterhören
Die aktuelle Folge von Daniels Daily geht dem Y2K-Streit anhand der Aktenlage nach — vom Senatsbericht bis zu den japanischen Behördenprotokollen, vom Fall Sheffield bis zur Ausgaben-Bilanz Italiens. Daniel Fürg entwickelt aus dem Streit drei Prüffragen, die sich auf jede „War doch alles nichts"-Debatte anwenden lassen.
Alle Zahlen, Pannen und Quellen stehen auf der Episodenseite.