Shownotes.
Es ist früher Abend in Leipzig, Montag, der 9. Oktober 1989. In vier Innenstadtkirchen enden die Friedensgebete, draußen dämmert es. In den Seitenstraßen stehen rund 3.000 Bewaffnete und 5.000 weitere Kräfte, außerhalb der Stadt warten 1.500 NVA-Soldaten. In Krankenhäusern sollen Betten für Verletzte freigehalten worden sein. Zwei Tage zuvor hatten Wasserwerfer die Demonstration zum DDR-Jahrestag zerschlagen, 210 Festnahmen, und ein Kampfgruppenkommandeur hatte in der Leipziger Volkszeitung geschrieben, man sei bereit, die Proteste zu stoppen, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand. Über allem liegt der Schatten von Peking im Juni, und die SED-Führung hat sich ausdrücklich hinter das chinesische Vorgehen gestellt.
Dass an diesem Abend trotzdem kein Schuss fiel, ist der Grund, warum die DDR vier Wochen später friedlich die Mauer öffnen konnte. Es ist aber kein Verdienst eines Einzelnen und keine Heldensage. Es ist eine Verkettung, die auch anders hätte ausgehen können.
Zwei Appelle, ein Ausweg
Schon am Morgen verteilen drei oppositionelle Arbeitskreise tausendfach ein Flugblatt zur Gewaltfreiheit. Am Nachmittag kommt ein zweiter Aufruf hinzu, von sechs Leipzigern, die wenig verbindet: der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, der Theologe Peter Zimmermann und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung. Funktionäre jenes Regimes, gegen das draußen demonstriert wird, bitten gemeinsam mit Künstlern und Geistlichen um Besonnenheit.
Hört man den Appell heute, wirkt sein Kern erstaunlich zurückhaltend. Daniel Fürg zitiert in der Folge den vollständigen Schlüsselsatz und ordnet ihn ein:
Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Hört genau hin, da verspricht jemand die Einheit, nicht einmal das Ende der DDR, nur ein Gespräch. Gemessen an dem, was kam, ein fast rührend kleines Versprechen.
Ab 18 Uhr läuft der Aufruf in Schleife über den Stadtfunk, dessen Lautsprecher die Innenstadt beschallen. Er wird in den Kirchen verlesen, der Sender Leipzig strahlt ihn aus. Beide Seiten hören ihn zur gleichen Zeit, und beide Seiten bekommen damit eine Linie angeboten, hinter die sie zurücktreten können, ohne das Gesicht zu verlieren.
Warum die Gewalt ausblieb
Nach den Friedensgebeten setzt sich die Menge vom Karl-Marx-Platz in Bewegung, auf den Ring, vorbei am Hauptbahnhof, schließlich an der Bezirkszentrale der Staatssicherheit, der runden Ecke. Die Einsatzkräfte stehen in Bereitschaft, aber kurz nach 18.30 Uhr ordnet die örtliche Einsatzleitung an, sich auf die Sicherung der eigenen Objekte zurückzuziehen. Berlin hat keine klare Weisung geschickt, Honecker wankt und wird neun Tage später gestürzt. Egon Krenz hat die Entscheidung erst nachträglich gebilligt, seine spätere Selbstinszenierung als Retter deckt die Aktenlage nicht.
Entscheidend ist ein Zusammenspiel: die schiere Größe der Menge, gegen die ein Angriff ohne Massaker kaum durchführbar war. Die Disziplin der Demonstrierenden, für die Gewaltlosigkeit nicht nur Parole, sondern Strategie war. Die Appelle, die beiden Seiten einen Ausweg boten. Und eine Befehlslage, in der die Leipziger Einsatzleitung entschied, bevor Berlin es tat.
Eine Legende lässt sich bei dieser Gelegenheit korrigieren. Die berühmten Bilder des Abends, von Siegbert Schefke und Aram Radomsky heimlich von einem Kirchturm gefilmt, erreichten das Westfernsehen erst später. Die Staatsmacht verzichtete nicht vor laufenden Weltkameras auf Gewalt. Sie tat es im Ungewissen, ob die Welt je zusehen würde. Auch das vielzitierte Wort, man sei auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht auf Kerzen und Gebete, hat keine zeitgenössische Fundstelle. Es ist ein spät zugeschriebenes Zitat, das überlebt hat, weil es den Abend so gut verdichtet.
Die Zahl, die zu klein ist
70.000 Teilnehmende, so steht es in fast jedem Text über diesen Abend, so steht es auf den offiziellen Gedenkseiten. Es war nie eine Zählung. Nach einem später dokumentierten Interview wurde die Zahl noch am Abend im Umfeld des Nikolaikirch-Pfarrbüros ausgehandelt, zwischen Schätzungen von 50.000 und 90.000. Die Medien brauchten eine Ziffer, man einigte sich. Die Stasi selbst notierte in ihrem Lagebericht nur eine Spanne von 50.000 bis 60.000 Demonstrierenden plus Schaulustige.
Der Soziologe Karl-Dieter Opp hat Jahre später versucht, es besser zu machen. Eine 1990 erhobene, 1993 veröffentlichte Repräsentativbefragung ergab, dass sich mehr Leipziger an eine Teilnahme erinnerten, als zu 70.000 passt. 2011 publizierte Opp eine Flächenrekonstruktion: rund 41.500 Quadratmeter dicht gefüllter Innenstadtring, drei bis vier Menschen pro Quadratmeter, hochgerechnet 124.500 bis 166.000 Teilnehmende. Das ist keine Kopfzählung, es ist ein Modell, das mit Flächenannahme und Dichte steht und fällt. Aber es spricht einiges dafür, dass die berühmten 70.000 den Protest erheblich unterschätzen. Die Untergrenze entspräche fast einem Viertel der damals gut halben Million Leipziger, wobei viele Demonstrierende von außerhalb kamen.
Dass die kleinere Zahl trotzdem überall steht, erzählt etwas über die Beharrungskraft dessen, was einmal in den Nachrichten war. Es wird abgeschrieben, jahrzehntelang.
Wem gehört der Ruf?
Am Abend des 37. Jahrestags leuchtet Leipzig wieder. Von 19 bis 23 Uhr führt ein Lichtweg durch die Altstadt zwischen Nikolaikirche und Matthäikirchhof, sechs Kunstprojekte verbinden historische Fotografien, Licht, Tanz und Performance. Davor das Friedensgebet, dann die Rede zur Demokratie, in diesem Jahr gehalten von der Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook. Als Leitgedanke steht über dem Programm: Unsere VerANTWORTung.
Das Motto zielt mitten in eine Gegenwartsfrage, der dieser Jahrestag nicht ausweichen kann. In derselben Woche, in der Magdeburg den ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt hat, wird in Leipzig an jenen Abend erinnert, der den Ruf "Wir sind das Volk" weltberühmt machte. Die AfD reklamiert dieses Erbe ausdrücklich. Viele Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler von damals verwahren sich öffentlich dagegen.
Die Menschen von 1989 hatten unterschiedliche Ziele. An diesem Oktobermontag wurde auch "Neues Forum zulassen" gerufen und "Freiheit für die Gefangenen". Viele wollten eine reformierte DDR, die rasche Einheit wurde erst später zur Massenforderung. Was sie trotzdem verband, war die Voraussetzung, überhaupt für etwas eintreten zu können: freie Rede, freie Wahlen, das Recht auf Widerspruch ohne Angst. An dieser Messlatte lässt sich prüfen, wer sich auf diesen Abend beruft, egal von welcher Seite.
Die heutige Folge von Daniels Daily rekonstruiert den 9. Oktober 1989 Stunde für Stunde, mit zeitgenössischem Stasi-Lagebericht, Stadtfunk-Mitschnitt und Opps Teilnehmerstudie als Quellen. Sie räumt mit Legenden auf, lässt die Zahlen für sich sprechen und endet bei der Frage, was von jenem Abend heute politisch zu verteidigen bleibt.
Alle Quellen und das Programm des Lichtfests sind auf der Episodenseite verlinkt.