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AUSGABE № 36 — DO 08.10.2026

Das Testament.

Alfred Nobels Testament von 1895 hat einen Preis geschaffen, den man nicht beantragen, nicht kaufen und nicht erzwingen kann. In einem Jahr lautester Lobbyarbeit zeigt sich, wie belastbar diese Konstruktion wirklich ist.

FRIEDEN15:42 MIN3 KAPITEL
FOLGE № 3615:42 MIN
Das Testament
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FOLGE VOM 08.10.2026

Shownotes.

Paris, 27. November 1895. Im Schwedisch-Norwegischen Club setzt ein 62-jähriger Industrieller seine Unterschrift unter wenige handgeschriebene Seiten. Kein Anwalt, kein Notar. Alfred Nobel verfügt, dass sein Vermögen in eine Stiftung fließen soll, deren Zinsen jährlich fünf Preise finanzieren. Vier davon werden in Stockholm vergeben. Der fünfte, für die Verbrüderung der Völker, für die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere, für Friedenskongresse, geht nach Oslo, vergeben von fünf Personen, die das norwegische Storting wählt. Warum ausgerechnet Norwegen, hat Nobel nie erklärt. Historiker rätseln bis heute. Ein Jahr nach der Unterschrift war er tot. Aus einem knappen Absatz in einem privaten Schriftstück wurde einer der politisch gewichtigsten Preise der Welt.

Die Werkstatt hinter dem Mythos

Nominieren dürfen überraschend viele: Regierungsmitglieder und Parlamentarier souveräner Staaten, Professoren bestimmter Fächer, frühere Preisträger, Richter der Internationalen Gerichtshöfe. Deadline für externe Vorschläge ist der 31. Januar; die fünf Komiteemitglieder dürfen in ihrer ersten Sitzung eigene Namen ergänzen. Für 2026 stehen 287 Kandidaten auf der Liste, 208 Personen und 79 Organisationen. Wie oft jemand vorgeschlagen wurde, bleibt geheim. Die vollständigen Nominierungsakten öffnet das Nobelinstitut erst nach 50 Jahren.

Entschieden wird von einem fünfköpfigen Gremium, das zwar das Storting wählt, das aber ausdrücklich kein Staatsorgan ist. Aktive Regierungsmitglieder sind seit den dreißiger Jahren ausgeschlossen, amtierende Abgeordnete seit den siebziger. Den Vorsitz führt Jørgen Watne Frydnes, der nach dem Anschlag von 2011 den Wiederaufbau von Utøya organisierte und aus dem Ort des Massakers einen Lernort für Demokratie machte. Ab Februar sammelt sein Komitee Gutachten, verengt die Liste über das Jahr und entscheidet üblicherweise zwischen Mitte August und Ende September. Rechtlich reicht eine einfache Mehrheit.

Die Fehlerliste, die das Komitee selbst führt

Die Geschichte des Preises ist auch eine Geschichte seiner Irrtümer, und das Osloer Komitee geht mit ihnen erstaunlich offen um. Mahatma Gandhi wurde fünfmal nominiert und nie ausgezeichnet. 1948, im Jahr seiner Ermordung, blieb der Preis mit der Begründung unvergeben, es gebe keinen geeigneten lebenden Kandidaten. Der langjährige Komiteesekretär Geir Lundestad nannte das später die größte Unterlassung der Preisgeschichte. 1973 ging die Auszeichnung an Henry Kissinger und Lê Đức Thọ, während der Vietnamkrieg weiterlief. Thọ lehnte ab, als bislang einziger Friedensnobelpreisträger. Zwei Komiteemitglieder traten aus Protest zurück.

2009 bekam Barack Obama den Preis nach weniger als neun Monaten im Amt, offiziell für seine Bemühungen um internationale Diplomatie, faktisch für Hoffnungen. Lundestad räumte in seinen Memoiren ein, man habe Obama stärken wollen, und diese Wirkung sei ausgeblieben. Dazu kommen zwei Konstruktionseigenheiten, die der Preis bewusst in Kauf nimmt. Er ist unwiderruflich. Als die Welt forderte, Aung San Suu Kyi den Preis von 1991 zu entziehen, konnte und wollte das Komitee nicht. Daniel Fürg fasst die Haltung dahinter so:

Der Preis bewertet Geleistetes bis zum Tag der Entscheidung. Er ist kein Lebensurteil. Man kann das für eine Schwäche halten oder für Ehrlichkeit.

Die zweite Eigenheit ist die Option des Schweigens. 19-mal wurde der Preis nicht vergeben, zuletzt 1972. Der Hamburger Friedensforscher Michael Brzoska hält diesen Weg angesichts der Weltlage auch für dieses Jahr für denkbar. Auch ein leerer Umschlag wäre eine Botschaft.

Die lauteste Kampagne, die dieses Verfahren je erlebt hat

Im Juli 2025 überreichte Benjamin Netanyahu Donald Trump vor laufenden Kameras im Weißen Haus eine Kopie seines Nominierungsschreibens an Oslo. Pakistans Regierung machte ihren Vorschlag öffentlich, Kambodschas Regierungschef folgte, zwei US-Senatoren brachten eine Resolution ein. Trump selbst erklärt, er hätte den Preis vier- oder fünfmal bekommen müssen, man gebe ihn nur an Liberale. Im Januar stellte er mit dem Board of Peace eine eigene Institution vor, deren Charta ihn als ersten Vorsitzenden vorsieht, ein Wechsel nur bei Rücktritt oder Amtsunfähigkeit. Die bizarrste Volte lieferte die Vorjahrespreisträgerin selbst: Die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado widmete Trump ihre Auszeichnung und überreichte ihm im Januar sogar ihre goldene Medaille. Übertragen konnte sie den Preis damit nicht. Auszeichnung und Person sind nach den Nobelregeln untrennbar.

Die von Reuters befragten Fachleute halten Trumps Chancen für sehr gering und verweisen auf den Krieg gegen Iran, den die USA seit Februar führen. Was im Beratungszimmer wirklich eine Rolle spielt, weiß von außen niemand. Håkon Gjerløw, kommissarischer Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts PRIO, vermutet, das Komitee werde mitbedenken, ob eine Wahl den Preisträger dem Druck des mächtigsten Mannes der Welt aussetzt, ob sie als Trotz gelesen würde oder als Ausweichen auf einen stillen, sicheren Kandidaten.

Sein Testament schuf einen Preis, den man nicht beantragen, nicht kaufen und nicht erzwingen kann. Und 131 Jahre später testet jemand mit maximaler Macht und ungewöhnlicher Lautstärke, ob das hält.

Zur Einordnung der morgigen Entscheidung helfen drei Fragen. Der Testamenttest: Passt die Wahl auf Nobels 50 Wörter oder dehnt sie den Begriff weiter, wie es der Preis bei Menschenrechten, Pressefreiheit und Klima seit Jahrzehnten tut? Der Adressatentest: Würdigt der Preis Geleistetes oder will er jemanden stärken, schützen, ermutigen? Und der Drucktest: Wie verhält sich die Wahl zum lautesten Bewerber dieses Jahrgangs? Trotz, Ausweichen, Ignorieren und sogar eine Nichtvergabe wären alle Antworten.

Zur Folge

Daniel Fürg erzählt in dieser Ausgabe von Daniels Daily bewusst am Vortag der Verkündung, bevor der Name für 2026 bekannt ist. Die Folge rekonstruiert die Entstehung des Preises, trennt die bekannte Anekdote vom Händler des Todes von dem, was wirklich belegt ist, und erklärt die Mechanik hinter einem Verfahren, das sich in diesem Jahr unter besonderem Druck bewähren muss.

Nobels Testament im Wortlaut, die Statuten und sämtliche Belege stehen auf der Episodenseite. Verkündet wird morgen um elf Uhr in Oslo.

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