Shownotes.
Am 5. Oktober 2025 überschritt die Meeresoberfläche einer schmalen Zone im äquatorialen Pazifik eine Marke, die es in der seit 1981 verfügbaren Datenreihe noch nicht gegeben hat: 30 Grad im Flächenmittel, 3,39 Grad über dem für dieses Kalenderdatum üblichen Wert. Die Region trägt den nüchternen Namen Niño 3.4 und ist der wichtigste Einzelwert der saisonalen Klimavorhersage. Was dort gerade geschieht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Schlagzeilen bis weit ins Jahr 2026 bestimmen.
Die US-Klimabehörde NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit mittlerweile auf 83 Prozent, dass das Ereignis alle bisherigen El Niños seit 1950 übertrifft. Die Weltwetterorganisation hält es für so gut wie sicher, dass es bis in den Februar 2027 anhält. Kaliforniens Gouverneur hat Ende September landesweit vorsorglich den Notstand ausgerufen.
Ein Fischerwort wird zum Weltphänomen
Der Name stammt aus dem 19. Jahrhundert. Peruanische Fischer tauften eine warme Küstenströmung, die ungefähr zur Weihnachtszeit erschien und ihre Netze leeren konnte, El Niño – das Christkind. Dass hinter dieser Kuriosität der peruanischen Küste ein planetares Schwungrad steht, erkannte lange niemand.
Erst Gilbert Walker, ein britischer Mathematiker, der 1904 die Leitung der indischen Observatorien übernahm, fand das zugehörige Muster am Himmel. Er sollte den Monsun vorhersagen, ließ Wetterdaten aus aller Welt zusammenrechnen und stieß auf eine riesige Luftdruck-Schaukel über dem Pazifik: Steht der Druck über Tahiti hoch, steht er über Darwin tief – und umgekehrt. Walker nannte sie Southern Oscillation, konnte aber nicht erklären, was da physikalisch schwingt.
Die beiden Hälften fügte in den 1960er Jahren der Meteorologe Jacob Bjerknes zusammen: Walkers Luftdruckschaukel in der Atmosphäre und die warme Strömung der Fischer im Meer sind ein einziges, gekoppeltes System. Seitdem trägt es einen Doppelnamen – ENSO, El Niño Southern Oscillation – und gilt als die stärkste natürliche Klimaschwankung des Planeten auf der Zeitskala von Jahren.
Was die Maschine im Pazifik anrichtet
Im Normalzustand schieben die Passatwinde das sonnenwarme Oberflächenwasser nach Westen. Vor Indonesien staut sich ein warmer Pool, vor Südamerika steigt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser auf – das Fischparadies der peruanischen Küste. In einem El-Niño-Jahr erlahmen die Winde, das warme Wasser schwappt ostwärts, und mit ihm wandern die großen Regenzonen, weil Gewitter über warmen Meeren entstehen. Diese Verschiebung verändert die atmosphärische Zirkulation weit über den Pazifik hinaus.
Die Folgen sind keine Gewissheiten, sondern typische Risiken: Dürre und Waldbrände über Indonesien und Australien, Fluten an der Westküste Südamerikas und in Teilen Ostafrikas, nasse Sturmwinter in Kalifornien. 1997/98 forderte der damals stärkste gemessene El Niño nach UN-Schätzungen weltweit über 20.000 Todesopfer und rund 36 Milliarden Dollar Infrastrukturschäden. 2015/16 folgten Dürren im südlichen Afrika und die längste je registrierte globale Korallenbleiche.
Für Mitteleuropa liegt die Lage am langen, dünnen Ende der Kette. Der Super-El-Niño-Winter 2015/16 war mit 3,6 Grad einer der mildesten seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Der El-Niño-Winter 2009/10 brachte dagegen Dauerfrost und Schnee. Daniel Fürg formuliert es in der Folge so:
Wer euch also einen deutschen Winter aus dem Pazifik-Thermometer vorhersagt, verkauft mehr, als die Wissenschaft hergibt.
Verstärker, nicht Auslöser
In Schlagzeilen vermischt sich leicht, was sauber getrennt gehört. El Niño ist keine Folge des Klimawandels – Korallen und Sedimente bezeugen das Phänomen über Jahrtausende. Aber beide addieren sich. Eine Wärmespitze legt sich auf einen ohnehin steigenden Sockel. Starke Ereignisse haben in der Vergangenheit globale Rekordjahre nach sich gezogen: auf 1997 folgte 1998, auf 2015 das Rekordjahr 2016, auf das bisherige Rekordjahr 2024 ein starkes Ereignis.
Eine Ende August in Science erschienene Studie um die Klimaforscherin Julia Cole, die Galápagos-Korallen als Klimaarchiv nutzt, kommt zu dem Ergebnis, dass die jährlichen Temperaturschwankungen im östlichen äquatorialen Pazifik heute rund 36 Prozent stärker ausfallen als vor der Industrialisierung. Der Klimawandel ist demnach Verstärker, nicht Auslöser.
Für die Debatten der kommenden Monate hilft eine einfache Dreiteilung: Wetter ist der einzelne Tag, El Niño die Saison, Klimawandel der Trend über Jahrzehnte. Fürg bringt es im Gespräch auf den Punkt:
Die schlechtesten Debatten des Winters werden die sein, die einen kalten Dienstag gegen die Erderwärmung ausspielen oder einen warmen Dezember allein dem Klimawandel zuschreiben, obwohl gerade das Christkind mitheizt.
Entsprechend lohnt sich die Frage, ob eine Meldung Beobachtung oder Prognose referiert, wie das Hilfsverb steht – könnte, droht, nach Modellen möglich sind keine Schwäche, sondern Ehrlichkeit – und welche Zeitskala gemeint ist. 83 Prozent Wahrscheinlichkeit heißen auch: eine reale Chance, dass es anders kommt.
Zum Weiterhören
Die aktuelle Folge von Daniels Daily ordnet die Entdeckungsgeschichte von Gilbert Walker und Jacob Bjerknes, die Mechanik der pazifischen Schaukel und die Bilanz der Vorgänger-Ereignisse von 1997/98 und 2015/16 ein – und liefert drei Prüffragen für die El-Niño-Meldungen des Winters.
Alle Messdaten, die Einschätzungen von WMO und NOAA sowie die zitierten Studien sind auf der Episodenseite verlinkt.