Shownotes.
Eine grüne Düne am estnischen Ostseestrand, sanft gewölbt, mit Gras überzogen. Dahinter das Meer, davor eine Promenade. Eine Aussicht, harmloser kann kaum eine sein. Unter dieser Düne liegen rund zwölf Millionen Tonnen radioaktiv und chemisch belasteter Produktionsrückstände: Uran, Thorium, Schwermetalle, Säuren. Der versiegelte Nachlass eines Werks, das über vier Jahrzehnte für den sowjetischen Atomkomplex arbeitete – in einer Stadt, die es auf öffentlichen Karten Jahrzehnte lang nicht gab.
Sillamäe, 25 Kilometer vor Narva, ist einer der widersprüchlichsten Orte an der Ostseeküste. Ein Ensemble stalinistischer Neoklassik, breite Achsen, Ornamente, Säulen, dahinter verfallende Hinterhöfe. Eine Stadt, in der bei der letzten Volkszählung über 95 Prozent der Menschen Russisch als Muttersprache angaben. Eine Stadt, die schrumpft. Und zugleich eine Stadt, deren wichtigste Fabrik gerade zu einer strategischen Adresse Europas geworden ist.
Die Stadt, die aus der Karte verschwand
Erstmals erwähnt 1502 als Krug an der Straße von Narva nach Tallinn, wurde Sillamäe im 19. Jahrhundert zum Badeort der Petersburger Oberschicht. In den 1920er Jahren begann der industrielle Ölschieferabbau, unter deutscher Besatzung mussten KZ-Häftlinge in den Schieferwerken schuften. Beim Rückzug 1944 sprengte die Wehrmacht die Anlagen. Ein Jahr später fielen die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki, und Stalin brauchte Uran, schnell.
Ab 1946 entstand aus dem zerstörten Schieferwerk das Kombinat Nr. 7. Ende 1948 lief die Uranproduktion an. Sowjetische Geologen hatten in einem lokalen Schwarzschiefer namens Kraptolitenargillit geringe Urananteile gefunden – sehr geringe. Zwischen 1948 und 1952 verarbeitete das Werk 271.500 Tonnen dieses Gesteins und gewann daraus ein Konzentrat mit 22 Tonnen Uraninhalt. 0,008 Prozent. Eine Viertelmillion Tonnen Fels für zweiundzwanzig Tonnen Uran.
Ab etwa 1947 wurde die Stadt geschlossen, auf öffentlichen Karten schlicht ausgelassen. Verwaltungsstatus hatte sie durchaus, ab 1957 sogar Stadtrecht – nur eben nicht für die Welt. Das Kombinat firmierte nach außen unter einer Deckbezeichnung, ab 1955 belegt als Postfach 22. Zutritt nur mit Sondergenehmigung, Kontrollpunkte, Stacheldraht. Ob Uran aus Sillamäe im ersten sowjetischen Sprengsatz von 1949 steckte, ist archivalisch nicht belegt. Belegt ist, dass das Werk ab 1950 auch importierte Erze verarbeitete und bis 1989 knapp 98.700 Tonnen Uraninhalt produzierte – einer der bedeutendsten Standorte des Ostblocks.
Daniel Fürg beschreibt in seiner Reportage einen Spaziergang durch das heutige Zentrum:
Breite Achse, stalinistische Architektur, verzierte Fassaden, Säulen, Ornamente, gebaut wie für Paraden, die nie stattfanden. Man läuft da durch und denkt, das hier wurde für eine Hauptstadt entworfen, nicht für eine Kleinstadt an der Ostsee.
Zwölf Millionen Tonnen unter einer Düne
Uranverarbeitung erzeugt Abfall. Und das Kombinat entsorgte ihn so, wie die Sowjetunion Umweltfragen generell behandelte: gar nicht. Direkt am Ufer, auf durchlässigem Sand und Kies über weichem, kambrischem Ton, wuchs über die Jahrzehnte ein offenes Absetzbecken heran. Am Ende umfasste der Standort rund 50 Hektar, die Abfallschicht war gut 20 Meter mächtig, die Dammkrone lag etwa 25 Meter über dem Meer. An der engsten Stelle trennten 30 Meter das Becken von der Ostsee.
Rund zwölf Millionen Tonnen Rückstände, etwa zur Hälfte aus der Uranaufbereitung, zur anderen Hälfte Ölschieferasche. Kein hochradioaktiver Müll, aber Uran, Thorium, Schwermetalle und Säuren unter freiem Himmel, hinter einem nachlässig gebauten Wall. Sickerwasser drückte ins Grundwasser und Richtung Meer. Ein schwerer Sturm hätte den Damm zum Versagen bringen können. Die Ostsee ist ein flaches, weitgehend umschlossenes Meer, dessen Wasser sich über Jahrzehnte austauscht.
Nach der Unabhängigkeit 1991 erbte Estland den Teich. Es folgte eines der größten Sanierungsprojekte der Region, mit skandinavischer und europäischer Hilfe. Ab 1992 wurde untersucht, ab Ende der Neunziger gebaut. Entwässert, stabilisiert, abgedichtet, versiegelt, Schicht um Schicht, bis Dezember 2008. Obendrauf Erde und Gras. Entscheidend ist: Die Abfälle wurden nicht entfernt. Sie liegen immer noch dort, alle zwölf Millionen Tonnen. Seit 2009 läuft die Langzeitüberwachung.
Sie ist grün, weil Menschen sie begrünt haben. Sie sieht nach nichts aus, weil sehr viele Leute anderthalb Jahrzehnte daran gearbeitet haben, dass sie nach nichts aussieht.
Ein europäischer Hoffnungsträger am russischen Rohstoff
Man könnte die Geschichte hier enden lassen – als Lehrstück über ein untergegangenes Reich. Aber das Kombinat existiert noch. Es heißt heute Silmet, gehört einem kanadischen Konzern und ist eine von Europas ganz wenigen Anlagen, die seltene Erden in industriellem Maßstab trennen und verarbeiten. Lange galt es sogar als die einzige.
Seltene Erden sind jene Metalle, die in Hochleistungsmagneten stecken – in Elektroautos, Windkraftanlagen, Elektronik, Waffensystemen. Sie sind das Material, mit dem China die Welt am Band hält. Ein großer Teil von Europas Antwort auf diese Abhängigkeit hat eine Adresse, und es ist ausgerechnet die frühere Uranfabrik der geheimen Sowjetstadt. Im benachbarten Narva wurde im September 2025 die zugehörige Magnetfabrik eröffnet. Einen Magneten von dort präsentierte Ursula von der Leyen beim G7-Gipfel.
Der Widerhaken: Silmet bezieht seinen Rohstoff seit über 30 Jahren hauptsächlich aus Russland. Der Eigentümer baut seit Jahren alternative Lieferketten auf, zwischen 2021 und 2023 kam nachweislich Material aus den USA. Ersetzt hat das den russischen Rohstoff bislang nicht im nötigen Umfang. Noch der jüngste Geschäftsbericht des Konzerns führt den russischen Lieferanten auf. Einer der europäischen Hoffnungsträger gegen die Abhängigkeit von China hängt weiter am Rohstoff aus Moskau – 25 Kilometer vor der NATO-Außengrenze, in einer Stadt, die Moskau einst selbst gebaut hat.
Sprache ist kein Gesinnungsbeweis, sie sagt nichts über Loyalitäten. Sie erzählt nur, wer diese Stadt gebaut hat und für wen. Sillamäe war unsichtbar, als es wichtig war. Jetzt ist es wieder wichtig – und immer noch unsichtbar.
Zur Folge
Die heutige Ausgabe von Daniels Daily ist die zweite Reportage-Etappe der Estland-Reise, nach der Folge über Narva. Daniel Fürg erzählt vom Spaziergang durch die stalinistische Achse, vom Uranteich am Ufer und vom Kombinat, das heute wieder gebraucht wird – und trennt dabei sauber, was Aktenlage ist und was Legende.