Schimpansen schlagen Nobelpreisträger bei Fragen zum Zustand der Welt. Warum wir den größten Fortschritt der Menschheit nicht mitbekommen – und was das politisch bedeutet.
Der schwedische Gesundheitsforscher Hans Rosling stellte tausenden Menschen in Dutzenden Ländern einfache Wissensfragen über den Zustand der Welt, etwa die, wie sich die extreme Armut in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt habe. Studenten, Journalisten, Banker, Nobelpreisträger: Sie alle schnitten schlechter ab als der Zufall, schlechter, wie Rosling gern stichelte, als Schimpansen, die man auf die Antwortmöglichkeiten zeigen ließe. Der Befund ist beunruhigender, als er klingt, denn Zufall irrt in beide Richtungen, Menschen irrten stets in dieselbe: zum Düsteren hin. Dabei ist die Datenlage eindeutig. Nach der aktuellen Rechnung der Weltbank lebten 1990 gut vier von zehn Menschen in extremer Armut, heute ist es etwa einer von zehn; rund anderthalb Milliarden Menschen sind ihr seither entkommen. Verglichen mit 1990 sterben Tag für Tag etwa 20.000 Kinder weniger vor ihrem fünften Geburtstag. Der Guineawurm, ein Parasit, der 1986 noch dreieinhalb Millionen Menschen jährlich quälte, wurde im vergangenen Jahr weltweit zehnmal gezählt und steht vor der Ausrottung, ganz ohne Impfstoff, allein durch Wasserfilter und vier Jahrzehnte Kleinarbeit. Der Ökonom Max Roser hat einmal notiert, die Zeitungen hätten über Jahrzehnte täglich wahrheitsgemäß titeln können, dass abermals mehr als hunderttausend Menschen der Armut entkommen seien. Die Schlagzeile ist nie erschienen.
Dass sie nie erschien, liegt nicht an einer Verschwörung, sondern an einer Taktfrequenz. Zerstörung ist schnell, Aufbau ist langsam: Eine Bombe braucht eine Sekunde, eine Schule Jahre, ein Impfprogramm Jahrzehnte. Nachrichten aber messen die Welt in Stunden, und in dieser Auflösung findet fast nur Zerstörung statt; Fortschritt vollzieht sich in Prozentpunkten pro Jahrzehnt, einer Frequenz, die das Ereignisformat schlicht nicht empfangen kann. Verstärkt wird die Schieflage durch das, was die Psychologie seit Roy Baumeisters Arbeiten als Negativity Bias kennt: Schlechtes prägt sich tiefer ein als Gutes, eine evolutionär vernünftige Alarmanlage, die als Weltvermessungsinstrument versagt. Und schließlich vernichtet ausgerechnet der Erfolg seine eigenen Zeugen. Das Ozonloch, in den Achtzigern die Apokalypse-Schlagzeile schlechthin, verschwand aus dem Gedächtnis, weil das Montreal-Protokoll wirkte und die Ozonschicht seither messbar heilt. Eine Warnung, die verhallt, wird Geschichte; eine Warnung, die wirkt, sieht im Rückblick aus wie Hysterie. Erfolgreiche Prävention hinterlässt keine Denkmäler, nur das vage Gefühl, damals sei wohl übertrieben worden.
Man könnte das für eine Stilfrage der Berichterstattung halten, wäre der politische Preis nicht so hoch. Ein Publikum, das den Niedergang für ausgemacht hält, ist empfänglich für jede Erzählung, die ihn bewirtschaftet, vom Verschwörungsglauben bis zur Parole, früher sei alles besser gewesen, die exakt so lange funktioniert, wie niemand die Daten kennt. Rosling selbst wehrte sich zeitlebens gegen das Etikett des Optimisten und nannte sich Possibilisten; seine wichtigste Denkfigur passt in fünf Worte: schlecht und besser zugleich. Fünf Millionen tote Kinder im Jahr sind ein Skandal, der Rückgang von dreizehn Millionen ist ein Triumph, und ein erwachsenes Weltbild muss beide Sätze gleichzeitig aushalten, weil der erste allein fatalistisch macht und der zweite allein träge. Bleibt die vielleicht tröstlichste Einsicht dieser Zahlen: Der Fortschritt wurde nicht von Zuversichtlichen erarbeitet, sondern von Alarmierten mit langem Atem, von Menschen, die Missstände unerträglich fanden und trotzdem Jahrzehnte durchhielten. Wer wissen will, wie diese Haltung heißt, wird bei Antonio Gramsci fündig: Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.