Shownotes.
Am Sonntag vor dem großen Parteitag, dem 6. September, veröffentlicht der Präsident der Vereinigten Staaten über mehr als zehn Stunden 37 Beiträge auf Truth Social. Wer das Tagesarchiv durchscrollt, es ist vollständig dokumentiert, sieht Donald Trump als Kommandeur riesiger Kampfroboter („Give them nightmares"), zu Pferde neben George Washington, mit dem eigenen Gesicht auf dem Körper von Hulk Hogan, am Steuer eines Raumschiffs, vor einem Mond mit der Zeile „The Moon is ours", die der Weltraumvertrag ausdrücklich ausschließt, und über Landkarten, auf denen Gewässer und Bundesstaaten neue Namen tragen. Der Reflex ist, das alles als digitale Fantasie abzulegen. Der Reflex greift zu kurz, und an einem einzigen Detail lässt sich zeigen, warum: „Lake America", der neue Name des Ontariosees, ist keine Bildlaune. Trump hatte die Umbenennung Ende August tatsächlich per Executive Order für den Sprachgebrauch der US-Bundesbehörden angeordnet, Kanada bindet das nicht, aber es steht im Bundesregister. Im selben Zeitraum verbreitete der offizielle Account des Weißen Hauses ein Video, das den Präsidenten als Comic-Superhelden Green Lantern zeigt. Was in diesem Feed erfunden ist und was Regierungshandeln, lässt sich von außen nicht mehr am Tonfall erkennen, und genau das ist der Befund, der über die Belustigung hinausweist.
Denn dieselbe Unschärfe zwischen Erzählung und Verbindlichkeit organisiert, sieben Wochen vor den Midterms, den gesamten Wahlkampf des Mannes, der gar nicht auf dem Stimmzettel steht. Drei Tage nach dem Posting-Sonntag versprach Trump in Dallas jedem erwachsenen US-Bürger 5.000 Dollar, falls die Republikaner beide Kammern halten, die „Trump Dividend", ausgeschüttet wie von einem Unternehmen an seine Aktionäre, verbunden mit der Bitte, so zu tun, als stünde er selbst zur Wahl. Die Rechnung dahinter ist einfach und vernichtend: rund 1,25 Billionen Dollar Kosten bei etwa 250 Millionen Erwachsenen, so kalkuliert es die Tax Foundation, zu bewilligen vom Kongress, dessen Zustimmung Trump für verzichtbar erklärt, ohne einen Rechtsweg zu nennen, finanziert aus Zolleinnahmen, die real etwa ein Zehntel davon im Jahr einbringen, nachdem der Supreme Court die breiten Notstands-Zölle im Februar gekippt hatte. Und es gibt eine Vorgeschichte: Die 5.000-Dollar-DOGE-Schecks von 2025 wurden nie ausgezahlt, die 2.000-Dollar-Zolldividende vom November auch nicht. Zwei landesweite Ausschüttungsversprechen, null Einlösungen, das dritte läuft. Auch hier gilt: Das Versprechen sieht aus wie eine Zusage und ist doch nur ein Bild von einer, so wie der See auf der Karte aussieht wie eine Tatsache und doch nur eine Anordnung über Sprachregelungen ist.
Was in diesem Wahlkampf noch verbindlich ist
Das dritte Register dieser Woche betraf die Vergangenheit, und es war das heikelste, denn es lief durch die Tage des Gedenkens. Neben einem 21-Fuß-Stahlträger aus dem Südturm erzählte Trump die bislang bildhafteste Fassung einer Geschichte, die seit 2016 in Varianten kursiert: Zwei Feuerwehrleute hätten ihn nach dem 11. September wegen eines einsturzgefährdeten Gebäudes hochgehoben und fortgetragen. Die Sorge um das Gebäude hatte einen wahren Kern; für Trumps Anwesenheit bei einer solchen Szene gibt es keinen unabhängigen Beleg, so wenig wie für die hundert eigenen Arbeiter, die er schon am 13. September 2001 im Einsatz wähnte, oder die jubelnden Menschenmengen von Jersey City. Belegt ist ein makellos gekleideter Mann mit Telefon nahe Ground Zero, zwei Tage nach den Anschlägen. Die Fassungen wechseln, ihre Richtung bleibt über 25 Jahre konstant: näher ans Geschehen, größer die Rolle. Zusammengehalten wird das alles von sehr realem Geld, allein der Super-PAC MAGA Inc. meldete zuletzt über 400 Millionen Dollar Kassenbestand, und von fortgesetzten, unbelegten Angriffen auf die Briefwahl, aus denen sich, als Schlussfolgerung, nicht als Beweis, die Möglichkeit ergibt, auch eine Niederlage als gestohlen zu erzählen. Wer darüber nur den Kopf schüttelt, unterschätzt die Maschine: Viele Anhänger lesen die Bilder als Witz und Stärkesignal, und im Scheck hören Menschen mit realen Kaufkraftsorgen ein Versprechen von Teilhabe, die Sehnsucht ist legitim, ihr Instrument bewirtschaftet sie. Die entscheidende Frage an diesen Wahlkampf ist deshalb nicht, was echt aussieht. Sie lautet, was verbindlich ist, und die Antwort fällt bemerkenswert schmal aus: nicht der Scheck, der ohne Finanzierung und Bewilligung dasteht, nicht die Milliarden, für die es keine Rechnung gibt, nicht die Rettung, für die es keine Zeugen gibt. Verbindlich ist bislang vor allem der Wahltermin. Am 3. November stimmt ein Land darüber ab, wie viel Erzählung es als Regierung akzeptiert.