Shownotes.
Philadelphia, Sommer 1787. In einem Saal mit geschlossenen Fenstern entstehen binnen vier Monaten zwei Vereinbarungen, die bis heute gelesen werden. Die eine begründet das amerikanische Zweikammersystem und gilt als Sternstunde der Verhandlungskunst. Die andere, die Drei-Fünftel-Klausel, macht versklavte Menschen zur Rechengröße für die Macht der Sklavenhalterstaaten, ohne ihnen je eine Stimme zu geben. Derselbe Ort, dieselbe Technik: geben, nehmen, einigen. Zwei völlig verschiedene Urteile der Geschichte. Die interessante Frage ist nicht, warum der eine Kompromiss gefeiert und der andere verflucht wird. Die interessante Frage ist, woran sich der Unterschied vorher erkennen lässt, nicht erst Generationen später.
Warum das Wort seinen Verdacht mitträgt
Das römische compromissum bezeichnete einmal etwas Würdevolles: das gegenseitige Versprechen zweier Streitparteien, sich dem Spruch eines Schiedsrichters zu unterwerfen. Zwei Seiten, die ihren Konflikt nicht mit Gewalt austragen, sondern sich binden. Davon ist in der Alltagssprache wenig übrig. Im Deutschen klebt das Adjektiv „faul" am Wort, im Englischen heißt compromised, dass jemand beschädigt oder erpressbar ist. Die Sprache legt nahe, dass sich schmutzig macht, wer Zugeständnisse macht.
In Weimar hatte dieser Verdacht eine besonders giftige Blüte. Carl Schmitt verspottete das endlose parlamentarische Gespräch und stellte ihm die klare Entscheidung entgegen. Seine Parlamentarismuskritik machte aus dem Verhandeln selbst ein Problem; derselbe Schmitt stellte sich später in den Dienst des NS-Regimes. Die Linie vom Lob der Eindeutigkeit zur Verachtung der Demokratie ist historisch keine Spekulation.
Dagegen steht ein nüchterner Befund. In jeder Ordnung, in der Menschen mit unterschiedlichen Interessen zusammenleben und nicht aufeinander schießen wollen, ist der Kompromiss keine Ausnahme vom Normalbetrieb, er ist der Normalbetrieb. Ehen, Tarifrunden, Koalitionen. Die Alternative ist fast nie der reine Sieg der eigenen Position, sondern Zwang, Stillstand oder Trennung.
Margalits Trennlinie: Partner statt Paragraph
Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat in On Compromise and Rotten Compromises (2009) die bislang präziseste Unterscheidung vorgelegt. Kompromisse im Dienst des Friedens sind für ihn keine Schwäche, sondern eine der höchsten Formen der Moral. Ausgenommen ist eine einzige, bewusst eng gefasste Kategorie: Abkommen, die eine Ordnung errichten oder aufrechterhalten, deren Dauerzustand systematische Grausamkeit und Demütigung ist. Menschen werden durch die Einigung als Nichtmenschen behandelt, und die Leidtragenden sitzen typischerweise gar nicht mit am Tisch.
Sein berühmtestes Beispiel funktioniert dabei anders, als man erwartet. München 1938 ist für Margalit faul, aber nicht wegen des Vertragstextes. Eine Grenzverschiebung unter Berufung auf Selbstbestimmung wäre als Verhandlungsgegenstand denkbar gewesen, und Chamberlains Friedenswille war aufrichtig. Faul macht das Abkommen der Partner. Wer mit einem Regime paktiert, das auf radikaler Entmenschlichung beruht, adelt es zum legitimen Gegenüber. Die Gegenprobe ist das Kriegsbündnis derselben Westmächte mit Stalin, auch er ein Massenmörder: Margalit hält es für vertretbar, als Bündnis der Not gegen das noch radikalere Böse. Ein Freibrief war das nicht. Wo die Allianz später Menschen gegen ihren Willen an Stalins Reich auslieferte, war die Grenze überschritten.
Daraus ergibt sich eine Prüfung aus vier Fragen: Inhalt, Partner, Betroffene, Folgen. Entscheidend sei, formuliert Host Daniel Fürg in der Zuspitzung auf Margalit, nicht nur, worüber eine Einigung erzielt werde.
Entscheidend sei, mit wem unterzeichnet wurde, nicht was.
Mittel und Ziel: die Lehre aus Lincoln
Dass moralische Klarheit beim Ziel nicht automatisch moralische Reinheit bei den Mitteln verlangt, zeigt Spielbergs Lincoln von 2012. Zweieinhalb Stunden dreht sich der Film um eine einzige Abstimmung: den 13. Verfassungszusatz, das Verbot der Sklaverei. Lincoln hält am Ziel kompromisslos fest, bei Wegen, Fristen und Rhetorik ist er beweglich bis an die Schmerzgrenze. Es wird mit Postenversprechen geworben, mit bearbeiteten Abgeordneten, mit taktisch zurückgehaltenen Nachrichten.
Ob jedes dieser Mittel gerechtfertigt war, ist damit nicht entschieden. Aber genau diese Unterscheidung ist der Punkt. Hier wurde nicht die Würde von Menschen verhandelt, sondern der Weg zu ihrer Anerkennung. Wer das Raster Margalits anlegt, kann über Taktik streiten und zugleich erkennen, dass die Geschäftsgrundlage des Deals eine andere ist als die der Zählformel von 1787.
Das Raster taugt auch für die Gegenwart. In Washington trifft ab Januar ein demokratisch geführter Kongress auf einen republikanischen Präsidenten; in Berlin sucht eine Koalition nach einer Kandidatin für das höchste Staatsamt, die breite Unterstützung findet. Dass am Ende jemand gewählt wird, den keine Seite allein durchsetzen konnte, ist kein Makel des Verfahrens. Es ist das Verfahren. Hellhörig werden sollte man nach Margalit erst dort, wo über Menschen verfügt wird, die nicht mit am Tisch sitzen.
Die unbequeme Lektion aus Philadelphia
Der Kompromiss hat in einer Ökonomie der Eindeutigkeit schlechte Karten. Er hat keine Fans, er lässt sich schlecht posten, seine Erfolge sehen aus wie halbe Niederlagen. Dagegen hilft keine Rhetorik, sondern Präzision: Ein guter Kompromiss liegt nicht automatisch auf halber Strecke. Wenn einer die Erde für eine Scheibe hält, ist leicht gewölbt kein Fortschritt.
Faule Kompromisse scheitern nicht von selbst, sie können erschreckend lange halten und genau das macht ihren Preis so hoch.
Die Drei-Fünftel-Klausel hielt Jahrzehnte, profitabel für die einen, entsetzlich für die anderen, bis ein Bürgerkrieg sie wegräumte. Der große Kompromiss trägt die amerikanische Verfassung seit fast 240 Jahren. Beides ist in derselben Technik entstanden. Was den Unterschied markiert, ist nicht die Form, nicht die Höflichkeit der Konferenz, nicht einmal der Frieden, der dabei herausspringt. Die Frage ist, mit wem verhandelt wird, über wen, und was nie auf den Tisch gehört.
Zur Folge
In der Freitagsausgabe von Daniels Daily führt Daniel Fürg durch die Werkstatt des Kompromiss-Begriffs: vom römischen compromissum über Carl Schmitts Verachtung des Verhandelns bis zu Margalits Vier-Punkte-Prüfung, angewendet auf München 1938, Spielbergs Lincoln und die Verhandlungen dieser Tage in Washington und Berlin.
Die verlinkten Quellen auf der Episodenseite enthalten Margalits Originalvorlesungen, die Verfassungsdokumente aus Philadelphia sowie eine Chronik der laufenden Koalitionsgespräche.