Shownotes.
In den Büchern des Brüsseler Wertpapierverwahrers Euroclear liegt das wohl umkämpfteste Geld der Welt: gut 200 Milliarden Euro an sanktioniertem russischem Vermögen, im Kern die Reserven der russischen Zentralbank, gesperrt seit dem Frühjahr 2022. Um dieses Geld herum hat das Jahr 2026 zwei bemerkenswerte Entwicklungen gebracht. Die EU baute für die Ukraine ein Kreditprogramm von bis zu 90 Milliarden Euro, finanziert am Kapitalmarkt und abgesichert über den eigenen Haushalt — geliehen also, während nebenan die russischen Milliarden liegen. Und ein Moskauer Gericht verurteilte Euroclear seinerseits zur Zahlung von rund 200 Milliarden Euro an die russische Zentralbank; im Juli scheiterte die Berufung, seit August klagt Euroclear in Belgien zurück. Zwei ähnlich große Summen, keine identischen Rechnungen, aber zusammen ein präzises Bild der Lage: Jede Seite hält der anderen denselben Betrag vors Gesicht.
Warum fasst Europa das Geld des Angreifers nicht einfach an, um dem Angegriffenen zu helfen? Die Antwort handelt nur zum Teil von Zögerlichkeit. Sie führt zu der Frage, was Eigentum zwischen Staaten ist, was eine Währung vertrauenswürdig macht und warum ein einzelnes Land die Last einer europäischen Entscheidung trägt.
Gesperrt heißt nicht enteignet
Zunächst eine Unterscheidung, die in Schlagzeilen regelmäßig verwischt: Das Vermögen gehört weiterhin Russland, es darf nur nicht bewegt werden. Seit Dezember 2025 sichert eine eigene EU-Verordnung diese Sperre ab; anders als die klassischen Sanktionen, die alle sechs Monate einstimmig verlängert werden müssen, wurde sie mit qualifizierter Mehrheit beschlossen und lässt sich nicht durch das Veto einer einzelnen Hauptstadt kippen. Russland klagt dagegen bereits vor dem Gericht der EU.
Einen Zugriff unterhalb des Grundvermögens praktiziert Europa längst. Weil auslaufende Anleihen bei Euroclear zu Bargeld werden und der Verwahrer diese blockierten Bestände wieder anlegt, entstehen außerordentliche Gewinne, die die EU als Gewinne des Verwahrers behandelt. Rund acht Milliarden Euro sind so bisher zusammengekommen; ein Teil floss an die Ukraine, ein großer Teil bedient die G7-Kredite von 2024 über rund 50 Milliarden Dollar. Europa isst die Früchte, rührt aber den Baum nicht an.
Drei Gründe für die Zurückhaltung
Der erste Grund ist das Recht. Zentralbankreserven genießen völkerrechtlich besonderen Schutz, und ein Angriffskrieg beseitigt diesen Schutz nicht automatisch: Der Internationale Gerichtshof hat 2012 betont, dass selbst schwerste Rechtsverletzungen die Staatenimmunität nicht einfach entfallen lassen. Befürworter eines Zugriffs argumentieren mit Gegenmaßnahmen, die Russland zur Erfüllung seiner Reparationspflicht zwingen sollen. Ob das trägt, ist unter Völkerrechtlern offen; eine abschließende Gerichtsentscheidung über dieses Modell existiert nicht. Die historischen Verwandten hinken: Nach Iraks Überfall auf Kuwait zahlte Bagdad gut 52 Milliarden Dollar Entschädigung, allerdings auf Grundlage von Beschlüssen des UN-Sicherheitsrats — ein Weg, den Russlands Veto heute versperrt.
Der zweite Grund ist das Vertrauen. Der Euro lebt davon, dass Staaten und Notenbanken ihr Geld in Europa für sicher halten. EZB-Präsidentin Christine Lagarde mahnte, jedes Modell müsse mit dem Völkerrecht vereinbar sein und die Finanzstabilität wahren. Kritiker eines Zugriffs fürchten, dass Staatsfonds vom Golf bis Peking ihre Reserven künftig anders anlegen; Befürworter halten Dollar und Euro für kurzfristig nur begrenzt ersetzbar.
Der dritte Grund heißt Belgien. Das Geld liegt bei einem belgischen Institut, dort schlüge jedes Risiko zuerst ein — das Moskauer Urteil führt vor, wie real das ist, auch wenn es in der EU weder anerkannt noch vollstreckt wird. Premier Bart De Wever verlangte deshalb gemeinsame Risikotragung, Absicherung gegen Liquiditätsprobleme und die Einbeziehung der russischen Vermögen in anderen EU-Ländern. Sein Kernsatz, sinngemäß: Belgien kann dieses Risiko nicht allein tragen.
Der Trick und die neue Runde
Brüssels Ausweg sollte der „Reparationskredit" sein: Die EU leiht sich die blockierten Barbestände und finanziert daraus die Ukraine, die im vorgesehenen Normalfall erst zurückzahlen muss, wenn Russland Reparationen leistet. Auf dem Papier wird nichts enteignet, faktisch arbeitete russisches Geld für die Verteidigung des überfallenen Landes. Kritiker nennen das eine Enteignung in Zeitlupe, Befürworter die ehrlichste Lösung, weil sie Russlands Reparationsschuld schon heute bilanziert. Beim Dezember-Gipfel ging Belgien nicht mit, und die EU wählte den Kapitalmarkt-Kredit, von dem inzwischen rund 20 Milliarden ausgezahlt sind. Eine Pointe geht dabei oft unter: Auch dieser Kredit ist bei der regulären Rückzahlung an russische Reparationen gekoppelt. Der eigentliche Unterschied zwischen den Modellen liegt weniger bei Kiews Pflichten als bei der Frage, wessen Geld vorgestreckt wird und wer haftet.
Jetzt beginnt die Debatte von vorn. Für 2027 rechnet die Kommission mit einer zusätzlichen Lücke von rund 70 Milliarden Euro, zusätzlich zu den 45 Milliarden, die aus dem bestehenden Programm bereits vorgesehen sind. Am 26. und 27. November beraten die Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel. Ob das Grundvermögen dabei wieder auf den Tisch kommt, ist selbst Teil des Spiels: De Wever erklärte jüngst, die Kommission habe ihm zugesichert, keinen neuen vermögensbasierten Vorschlag vorzulegen. Das ist seine Darstellung — und allein dass sie nötig war, zeigt, wie lebendig die Frage bleibt.
Ein Pfand wirkt über Glaubwürdigkeit in zwei Richtungen zugleich: Der Schuldner muss glauben, dass er es verlieren kann, und die Welt muss glauben, dass der Verwahrer nicht willkürlich zugreift. Europa versucht seit viereinhalb Jahren, beides gleichzeitig zu sein. Man kann darin Halbherzigkeit sehen oder Rechtstreue; vermutlich ist es beides. Untätig ist Europa dabei nicht — es zahlt den Preis einer Finanzierung, die das Grundvermögen nicht anrührt: den eigenen Kredit, die eigene Haftung, die eigene Haushaltsdebatte. Ende November wird neu verhandelt, wie lange noch.