Shownotes.
Juni 2006: Joschka Fischer, Zehntklassabbrecher und ehemaliger Taxifahrer, wird Frederick H. Schultz Professor of International Economic Policy an der Woodrow Wilson School in Princeton. Die Berliner Zeitung titelt halb seufzend, halb bewundernd: „Er schafft alles." August 2026: Annalena Baerbock, Master der London School of Economics und designierte Präsidentin der UN-Generalversammlung, übernimmt eine Praxisprofessur für Global Leadership an der Columbia University. Ein FDP-Vorsitzender spottet, ein AfD-Bundestagsabgeordneter kündigt einen Beschwerdebrief an die Universität an, ein Chor aus Kommentatoren zerlegt Englisch, Promotion und Berechtigung. Gleiches Land, gleiche Universitätsliga, gleicher Typ von Berufung. Die einzige Variable, die die Reaktion erklärt, ist genau die, von der alle behaupten, sie spiele keine Rolle.
Ein Verfahren gegen die übliche Ausrede
Bei jeder Debatte über Sexismus kommt der Einwand, es gehe doch nicht um das Geschlecht, sondern um die Qualifikation, die Person, das Auftreten. Der Einwand ist nicht per se unredlich. Er braucht ein Verfahren, das ihn prüfen kann. Der Fischer-Test ist so simpel wie unbestechlich: Man suche den strukturgleichen Fall mit umgekehrtem Geschlecht und vergleiche die Reaktionen.
Fischer und Baerbock passen als Fallpaar fast unheimlich präzise. Beide Grüne, beide Ex-Außenminister, beide polarisierend. Beide gehen für eine begrenzte Lehrtätigkeit an eine Ivy-League-Universität, in eine Praxisprofessur, die in den USA routinemäßig an ehemalige Regierungsmitglieder, Diplomatinnen und Generäle vergeben wird. Für diesen Stellentyp braucht es weder Doktortitel noch Habilitation. Fischer hatte kein Abitur. Baerbock hat einen Master aus London. Formal ist sie qualifizierter.
Die deutsche Öffentlichkeit reagierte 2006 überwiegend amüsiert und ein wenig stolz. 2026 fährt der, wie ein T-Online-Kommentator es nannte, „Baerbock-Hämemotor" hoch. Daniel Fürg formuliert die Bilanz nüchtern:
Kritik bestreitet eine Leistung. Häme bestreitet eine Berechtigung. Und der Fischer-Test verrät euch, wann ihr es mit Letzterem zu tun habt.
Drei Schichten der Häme
Die Reaktion auf die Columbia-Berufung lässt sich sauber sezieren. Die erste Schicht ist Unkenntnis. Die deutsche Ehrfurcht vor dem Professorentitel, jahrhundertealt kalibriert auf Promotion, Habilitation und Berufungskommission, prallt auf ein amerikanisches System, das den Titel pragmatischer vergibt. Wer die Praxisprofessur nicht kennt, dem kommt die Meldung schräg vor. Zwei Minuten Recherche kurieren das.
Die zweite Schicht ist die deutsche Missgunstkultur. Sichtbarer Aufstieg gilt als Provokation, das Wort „Gönnenkönnen" existiert vor allem als Vorwurf. Dieser Reflex trifft auch Männer. Zieht man beide Schichten ab, bleibt ein Rest, und dieser Rest hat Aktenlage. Das Kampagnennetzwerk Avaaz zählte im Wahlkampf 2021, dass ein Viertel aller schwerwiegenden Desinformationsnarrative über deutsche Spitzenpolitiker auf Baerbock zielten, mehr als auf Merkel, weit mehr als auf Laschet oder Söder. Über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland bekamen laut Avaaz Falschinformationen über sie zu sehen.
Das Institute for Strategic Dialogue verglich die Angriffe auf alle drei Kanzlerkandidaten. Alle wurden attackiert. Baerbock aber wurde häufiger abqualifiziert, häufiger mit Verschwörungsmythen verknüpft und, entscheidend, mit sexuellen Herabsetzungen und Gewaltandrohungen überzogen, in einem Ausmaß, das bei Scholz und Laschet nicht vorkam. Die Forschung nennt das gendered disinformation. Ihr Zweck ist, wie die Juristin Josephine Ballon von HateAid es formuliert hat, nicht Kritik, sondern Diskreditierung und Verstummen. Der aktuelle Trampolin-Witz droht niemandem Gewalt an. Er arbeitet aber an derselben Baustelle wie das Muster von 2021: an der Idee, dass diese Frau, egal was sie erreicht, eigentlich gar nicht dort sein dürfte.
Die Vollstreckungsabteilung und das Statusgut
Warum funktioniert das Muster so zuverlässig? Die Sozialpsychologin Alice Eagly hat mit der Rollenkongruenztheorie beschrieben, dass Führung in der Wahrnehmung männlich kodiert ist. Frauen in Führungsrollen verletzen automatisch eine Erwartung und geraten in eine Doppelfalle: durchsetzungsstark gelten sie als kalt, warm auftretend als inkompetent. Die Philosophin Kate Manne hat den Begriff Misogynie in ihrem Buch Down Girl von einem Gefühl zu einer Funktion umgebaut. Misogynie sei die Vollstreckungsabteilung alter Rollenordnungen, die Frauen bestrafe, die nach männlich kodierten Gütern greifen. Macht ist ein solches Gut. Status ist ein solches Gut.
Das männlich kodierteste Statusgut im deutschen Kulturhaushalt ist der Professorentitel. „Herr Professor" ist eine Formel, die im Sprachfundus tiefer sitzt als der amtierende Bundeskanzler. Aus der Perspektive der Vollstreckungsabteilung greift Baerbock damit nach der letzten Insignie, die im Katalog noch fehlte. Die Reaktion ist entsprechend heftig, und sie ist, was den Kern angeht, faktenresistent. Wer aus Unkenntnis spottet, hört nach der Recherche auf. Wer aus dem Reflex spottet, dem ist die Faktenlage gleichgültig, weil es nie um die Fakten ging.
Dazu kommt eine ökonomische Logik. Ein Feindbild ist eine Effizienzmaschine. Wer Baerbock angreift, trifft mit einem Namen die Grünen, das Gendern, die Klimapolitik, die städtischen Eliten und die ganze ungeliebte Moderne. Empörung über bekannte Reizfiguren ist der zuverlässigste Engagement-Lieferant der Plattform-Ökonomie. Erkennen lässt sich die Projektion an einem Widerspruch, den Umberto Eco in seinem Essay über autoritäres Denken beschrieben hat: Der Feind ist immer zugleich lächerlich schwach und bedrohlich mächtig. Zu dumm für einen englischen Satz und gefährlich genug für den Untergang des Abendlandes. Beides zusammen gibt es in keiner realen Person. In einer Projektion problemlos.
Wenn jemand gleichzeitig zu schwach und zu mächtig sein soll, redet ihr nicht mehr über einen Menschen, ihr schaut auf eine Leinwand.