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AUSGABE № 4 — MO 24.08.2026

Der ausgeladene Kanzler.

Fünf Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt lädt die eigene CDU Friedrich Merz aus. Warum das kein Zufall ist – und was es über den Zerfall von Autorität verrät.

AFD16:49 MIN5 KAPITEL
FOLGE № 416:49 MIN
Der ausgeladene Kanzler
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FOLGE VOM 24.08.2026

Shownotes.

Am 1. September, fünf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bestreitet die CDU ihren wichtigsten Wahlkampfauftritt, und auf der Bühne wird Hendrik Wüst stehen, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Der Bundeskanzler kommt nicht, und zwar nicht aus Termingründen: Ministerpräsident Sven Schulze hat Friedrich Merz erst gar nicht eingeladen, der stellvertretende Landesvorsitzende Marco Tullner bekundet öffentlich, er habe „kein großes Bedürfnis", einen Auftritt des Kanzlers zu organisieren, und in den Agenturberichten steht der Satz, den man zweimal lesen muss: Merz ist nicht erwünscht. Dabei wäre der Anlass historisch. Die AfD, deren Landesverband der Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch einstuft, während die Klage der Partei dagegen ruht, steht in Umfragen bei 43 Prozent; erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine so eingestufte Partei ein Bundesland regieren, womöglich allein. Wenn es je einen Moment gab, in dem ein Kanzler um jede Stimme kämpfen müsste, dann diesen. Stattdessen liest sich Wüsts Terminkalender, wie ein Agenturbericht notiert, „wie ein Hilferuf der Partei". Friedrich Merz ist nicht abgetaucht. Er wird versteckt, von den eigenen Leuten.

Platz 16 von 18

Die Zahlen dahinter brauchen keine Dramatisierung. Im ZDF-Politbarometer erreicht Merz einen persönlichen Negativrekord, im ARD-Deutschlandtrend hatte in der fast dreißigjährigen Geschichte der Erhebung noch kein amtierender Bundeskanzler einen schwächeren Wert, und Olaf Scholz, der bisherige Rekordhalter, benötigte für vergleichbare Tiefstände fast zwei Jahre, wo Merz gut eines reichte. Bemerkenswerter als die Unzufriedenheit ist jedoch, wer sie äußert: Eine Mehrheit der Unionsanhänger bewertet seine Arbeit inzwischen negativ, und 80 Prozent der Deutschen, darunter zwei Drittel der Unionsanhänger, glauben, dass die CDU nicht voll hinter ihrem Vorsitzenden steht. Ein Teil davon ist Lage, nicht Person: schwerste Erblast seit Jahrzehnten, eine Wirtschaft in der Dauerkrise, dazu der alte Befund der Wahlforschung, dass Landtagswahlen als „Nebenwahlen" fast immer zu Denkzetteln gegen die Regierenden geraten, weshalb die Distanz der Landes-CDU kühl kalkuliert ist. Doch daneben steht eine Sammlung dessen, was im Tennis unforced errors heißt: ein Personalchaos mitten im Wahlkampf-Endspurt, das, wie der Tagesspiegel schreibt, der Kanzler selbst verursacht hat; Debatten wie die um das „Stadtbild", die niemand bestellt hatte und die er selbst auslöste; und im Zufriedenheits-Ranking des Bundeskabinetts Platz 16 von 18, der Chef, geschlagen von fast seinem gesamten eigenen Kabinett. Die Lage erklärt einen Teil seiner Werte. Der andere Teil ist selbst erspielt.

Am schwersten aber wiegt die Messlatte, die Merz sich selbst gelegt hat. Da ist die Ansage aus seiner Comeback-Zeit, er traue sich zu, die AfD zu halbieren; sie hat sich seither ungefähr verdoppelt und liegt bundesweit vor seiner Partei. Da ist das Gelöbnis von der CDU-Klausur, man werde sich „von diesen Leuten nicht zerstören lassen", die AfD sei der Hauptgegner, und man wolle bei allen fünf Landtagswahlen des Jahres stärkste Kraft werden. Der Feldherr, der diese Schlacht zur Entscheidungsschlacht erklärte, erscheint nun nicht auf dem Feld, weil die eigenen Truppen ihn darum gebeten haben, und das ist keine Interpretation, sondern die Nachrichtenlage. Dahinter wird ein Mechanismus sichtbar, der größer ist als eine Personalie: Autorität funktioniert wie Abschreckung, sie existiert nicht in Amtszimmern, sondern in den Erwartungen der anderen, und sie kippt, sobald jeder Einzelne aufhört, Rücksicht auf jemanden zu nehmen, auf den die anderen auch keine mehr nehmen. Deshalb sind die 80 Prozent gefährlicher als jeder Zufriedenheitswert: Unzufriedenheit kann sich drehen, der erloschene Glaube an Autorität fast nie. Eine Partei, die ihren Kanzler vor den Wählern versteckt, mag wahlkampftaktisch rational handeln. Sie bestätigt damit nur öffentlich das Urteil, das sie zu verbergen versucht, und schenkt dem erklärten Hauptgegner das beste Argument des Wahlkampfs: Seht her, nicht einmal die eigenen Leute glauben noch an ihn.

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