Shownotes.
Ein Mann in einem Abwasserrohr bei Sirte, umringt von schreienden Milizionären, blutend, desorientiert. Noch am selben Tag ist er tot. Die Handyvideos vom 20. Oktober 2011 markieren das Ende einer 42-jährigen Herrschaft und den Beginn einer anderen Geschichte, die bis heute offen ist. Hillary Clinton reagierte damals vor laufender Kamera, in Anlehnung an Cäsar: We came, we saw, he died. Fünfzehn Jahre später lässt sich präziser sagen, was dieser Satz überdeckt. Ein Regime zu stürzen ist der leichtere Teil. Die Ordnung danach ist die eigentliche Aufgabe, und sie misst sich in Jahren, nicht in Monaten.
Ein Diktator fällt, Institutionen fehlen
Die Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrats vom 17. März 2011 autorisierte eine Flugverbotszone und alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Zehn Staaten stimmten dafür, fünf enthielten sich, darunter Deutschland neben Russland, China, Brasilien und Indien. Aus dem Schutzmandat wurde in sieben Monaten eine Luftkampagne mit mehr als 26.000 Einsätzen, die den Vormarsch der Rebellen begleitete. Moskau und Peking sprachen später von einem missbrauchten Mandat; der Streit über die Auslegung belastete bis in die Syrien-Debatten hinein die Arbeit des Sicherheitsrats.
Die bequeme Erzählung, es habe keinen Plan für den Tag danach gegeben, hält der Prüfung nicht stand. Schon im September 2011, Wochen vor Gaddafis Tod, beschloss der Sicherheitsrat eine UN-Unterstützungsmission mit Aufgaben von öffentlicher Sicherheit bis zur Wahlvorbereitung. Was fehlte, war die Übersetzung der Pläne in tragfähige Strukturen. Barack Obama hat das 2016 auf die Frage nach dem größten Fehler seiner Präsidentschaft so bilanziert: das Versäumnis, für den Tag danach zu planen, bei einem Eingreifen, das er weiter für richtig hielt.
Entscheidender war, was Gaddafi hinterließ. Behörden gab es, Verfassungsdokumente auch. Unabhängige Institutionen gab es nicht. Parteien waren verboten, das Parlament ersetzt durch Volkskongresse, die Armee aus Sorge vor Putschen schwach gehalten. In diese Lücke drängten die Milizen des Bürgerkriegs. Statt sie zu entwaffnen, nahm man sie auf staatliche Gehaltslisten. Waffengewalt wurde zum Geschäftsmodell. 2012 wählte Libyen bei hoher Beteiligung einen Nationalkongress. 2014 zerbrach das Experiment nach einer zweiten, umstrittenen Wahl. Seitdem beanspruchen zwei Parlamente die Legitimität, bald auch zwei Regierungen, im Osten der ehemalige Gaddafi-General Khalifa Haftar als starker Mann.
Das Öl hält zusammen und lähmt zugleich
Libyen besitzt die größten nachgewiesenen Rohölreserven Afrikas. Im Juni meldete die staatliche Ölgesellschaft an einem Tag knapp anderthalb Millionen Barrel. Die Einnahmen fließen über die Zentralbank in Gehälter und Ausgaben in allen Landesteilen. Um ihre Verteilung wird erbittert gestritten, und genau diese Dauerverteilung erklärt, warum das Vakuum stabil bleibt. Wer ein Ölventil, einen Grenzübergang oder eine bezahlte Miliz kontrolliert, hat es nicht eilig mit Wahlen. Im September legten bewaffnete Wachkräfte tagelang zwei Pipelines im Westen still, rund eine Million Barrel Produktionsausfall nach UN-Angaben.
Das Vakuum ist für seine Bewohner profitabel geworden. Viele einflussreiche Akteure leben vom Status quo und hätten durch einen Machtwechsel etwas zu verlieren.
Diese Zuspitzung des Hosts Daniel Fürg trifft den Mechanismus. Den Preis zahlt die Bevölkerung. Am sichtbarsten wurde das im September 2023 in der Küstenstadt Derna, wo zwei vernachlässigte Dämme brachen. Eine Ende 2023 veröffentlichte Übersicht mit UN-Zahlen verzeichnete für die Überschwemmungen im Nordosten mehr als 4.300 gemeldete Tote, Tausende weitere galten als vermisst. Eine spätere Analyse von Weltbank, UN und EU fand Wartungsstau und Konstruktionsmängel. Ein Land, dessen rivalisierende Lager Dringenderes zu verteilen hatten als Geld für Dämme.
Fernwirkungen bis in die Migrationsdebatte und nach Pjöngjang
Das libysche Vakuum ist nicht in Libyen geblieben. Die EU begann 2016, die sogenannte libysche Küstenwache auszubilden, Italien schloss 2017 ein Abkommen mit der Regierung in Tripolis. Seither wird abgefangen und zurückgebracht, in ein Land, in dem eine unabhängige UN-Untersuchungsmission 2023 zu dem Schluss kam, es gebe stichhaltige Gründe zur Annahme, dass an Migranten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen würden, im Zusammenhang mit Inhaftierung, Folter und Versklavung. Europa hat sich faktisch den Türsteher gekauft, den Gaddafi einst selbst anbot, und macht sich damit abhängig von Kräften, deren Macht aus eben jenem Vakuum stammt.
Die zweite Fernwirkung traf den Sahel. Waffen aus geplünderten Arsenalen und kampferfahrene Rückkehrer aus Libyen verstärkten bestehende Konflikte und trugen 2012 zur Eskalation in Mali bei. Die dritte ist die leiseste. Gaddafi hatte Ende 2003 seine Massenvernichtungsprogramme aufgegeben und war dafür in die Völkergemeinschaft zurückgeholt worden. Acht Jahre später griff die NATO in den Krieg gegen sein Regime ein. Nordkoreas Staatsmedien führen Libyen seither als Warnung an: Wer abrüste, könne sich auf westliche Zusagen nicht verlassen. Als 2018 ausgerechnet der amerikanische Sicherheitsberater öffentlich von einem Libyen-Modell für Nordkorea sprach, galt das selbst in Washington als diplomatischer Sprengsatz.
Ein neuer Fahrplan, drei Prüffragen
Ausgerechnet zum Jahrestag ist die Lage beweglich. Seit August 2025 verfolgt die UN-Mission unter der Sondergesandten Hanna Tetteh einen neuen Fahrplan. Ende August unterzeichneten je zwei Vertreter der Einheitsregierung, von Haftars Generalkommando, des Repräsentantenhauses und des Hohen Staatsrats im UN-Hauptquartier in Tripolis ein Abkommen: Präsidentschafts- und Parlamentswahlen binnen 24 Monaten unter einer vereinten Exekutive, neu besetzte Wahlkommission. Das Repräsentantenhaus billigte am 14. September, der Hohe Staatsrat lehnte am 5. Oktober ab. Das Mandat der UN-Mission läuft nach derzeitigem Beschluss am 31. Oktober aus.
Dieser Anlauf ist der ernsthafteste seit Jahren und zugleich wäre es naiv, dem jüngsten Fahrplan zu glauben, nur weil er der jüngste ist.
Für die Lektüre libyscher Meldungen bleiben drei Prüffragen. Welches Machtzentrum ist gemeint, wenn Libyen etwas beschließt? Ist eine Wahl angekündigt oder sind Kandidatenlisten geschlossen und Stimmzettel gedruckt? Und taugt dieses Land überhaupt als endgültiger Beweis für oder gegen Interventionen? Die einen sagen, Libyen zeige, dass Eingreifen immer scheitert, die anderen, es scheitere nur halbherzig. Beide Lesarten übersehen die unbequemere Frage: Was schuldet man dem Tag danach?
Die Episode Das Vakuum von Daniels Daily rekonstruiert zum 15. Jahrestag des Gaddafi-Sturzes die Entscheidung von 2011, den Zerfall nach 2014 und den jüngsten UN-Fahrplan. Alle Quellen, von den UN-Resolutionen über das Obama-Interview bis zum aktuellen Abkommen, sind auf der Episodenseite verlinkt.