Shownotes.
Alle vier Minuten registriert die Polizei in Deutschland eine Frau als Opfer ihres Partners. Rund um die Uhr, das ganze Jahr. Wer diese Uhr korrigieren will, um das Dunkelfeld, kommt bei einem Takt von etwa zwanzig Sekunden heraus. Es ist die stillste Katastrophe des Landes, verteilt auf 266.000 Wohnungen, ohne Bilder, ohne Sondersendung. Sie produziert kein Ereignis, das sich senden ließe. Sie produziert nur Opfer.
Das jüngste Lagebild des Bundeskriminalamts, im November vorgelegt, zählt für 2024 exakt 265.942 polizeilich erfasste Opfer häuslicher Gewalt. Ein Höchststand. Im Fünfjahresvergleich ein Plus von fast 18 Prozent. Drei Viertel der Opfer sind weiblich. In der engeren Kategorie Partnerschaftsgewalt liegt der Frauenanteil bei rund 80 Prozent, unter den Tatverdächtigen sind knapp 78 Prozent Männer. Die härteste Zahl: 132 Frauen wurden 2024 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Alle zwei bis drei Tage einmal. Ein Tötungsversuch fast jeden Tag.
Die Architektur vor dem Schlag
Die Forschung hat vor gut zwei Jahrzehnten den Blickwinkel verschoben. Der Soziologe Evan Stark prägte den Begriff der Coercive Control, der Zwangskontrolle. Sein Befund: Der Schlag ist selten der Anfang. Er ist die Fortsetzung eines Systems, das lange vorher beginnt. Kontrolle über Geld, über Bewegungen, über Kontakte. Wer darf mit wem reden. Wer bekommt wie viel Geld und muss es wofür rechtfertigen. Wo ist das Handy, wo ist das Auto, wo bist du gerade.
Zwangskontrolle gilt inzwischen als der stärkste bekannte Vorläufer tödlicher Gewalt — stärker als die Zahl der Schläge davor. Und sie hat digitale Werkzeuge bekommen. Das BKA weist Straftaten im digitalen Raum inzwischen gesondert aus. Im Kontext von Partnerschaftsgewalt stieg die Zahl der Opfer digitaler Gewalt 2024 um fast elf Prozent. Ortung per App, Überwachung, das getrackte Auto sind nicht die Ausnahme, sondern der technische Stand.
Der gefährlichste Moment einer solchen Beziehung ist nicht der Streit. Es ist die Trennung, die Phase, in der die Kontrolle entgleitet. Ein Großteil der Tötungen geschieht in ihrem Umfeld. Die Frage, warum eine Frau nicht einfach gehe, ignoriert diesen Befund. Das Gehen ist der statistisch tödlichste Moment.
Wer fragt, warum eine Frau nicht einfach geht, hat diesen Befund noch nicht gehört. Weil das Gehen der Moment ist, den die Statistik als den tödlichsten kennt.
Herkunft, Geschlecht, Statistik
In den Kommentarspalten kommt die Frage bei jedem dieser Themen: Ist das nicht ein importiertes Problem? Die Zahlen erlauben eine Antwort in zwei Teilen. Von den rund 216.000 Tatverdächtigen häuslicher Gewalt hatten 2024 gut 139.000 einen deutschen Pass, knapp 77.000 nicht. Zwei von drei Tätern sind Deutsche. Zugleich stellen Nicht-Deutsche etwa 15 Prozent der Bevölkerung und 36 Prozent der Tatverdächtigen. Sie sind überrepräsentiert. Das BKA erklärt es mit Altersstruktur, Armut, unsicheren Perspektiven, Anzeigeverhalten.
Was in der Debatte gerne fehlt: Die Gewalt bleibt fast immer innerhalb der Beziehung. Deshalb sind auch die Opfer überproportional nicht-deutsch — 83.000 der 266.000 registrierten Opfer, bei Partnerschaftsgewalt 56.000. Migrantische Männer schlagen vor allem migrantische Frauen, die es zusätzlich schwerer haben, Hilfe zu holen, weil oft ihr Aufenthaltsstatus an der Ehe hängt. Für eine deutsche Frau gilt: Der Mann, der ihr am wahrscheinlichsten Gewalt antut, ist ein deutscher Mann, den sie kennt, in ihrer eigenen Wohnung.
Die Variable, die durch alle Pässe und Schichten läuft, steht in einer einzigen Zahl: 77,7 Prozent der Tatverdächtigen sind Männer.
Das Problem hat keine Herkunft. Es hat ein Geschlecht.
Ein Rechtsanspruch, der 2032 gilt
Die staatliche Antwort lässt sich in einer Zahl mit Datum lesen. Um die Istanbul-Konvention zu erfüllen, bräuchte Deutschland rund 19.900 Frauenhausplätze. Vorhanden sind etwa 7.800. Es fehlen mehr als 12.000. Allein 2022 fanden über 16.000 schutzsuchende Frauen keinen Platz, mehr als 10.000 davon mit Kindern. Jede vierte Frau, die einen Platz bekommt, muss ihn teilweise oder ganz selbst bezahlen — für die Flucht vor dem Mann, der sie schlägt.
Im Januar 2025 hat der Bundestag das Gewalthilfegesetz beschlossen. Erstmals ein Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung, unabhängig von Wohnort, Einkommen und Aufenthaltsstatus. Der Bund beteiligt sich mit 2,6 Milliarden Euro. Der Anspruch gilt ab dem 1. Januar 2032. Bei den heutigen Tötungszahlen sterben bis dahin noch mehrere hundert Frauen durch ihren Partner, bevor das Gesetz einklagbar ist. Die angekündigte elektronische Fußfessel nach spanischem Vorbild, mit Zweitgerät und Alarm bei Unterschreitung eines Mindestabstands, existiert bislang als Ankündigung.
Dazu kommt, was Beratungsstellen seit Jahren beklagen: Gewalt im sozialen Nahraum wird häufig milder bestraft als dieselbe Tat gegen Fremde. Der Beziehungskontext wirkt in der Praxis oft strafmildernd, Täter behalten häufig das Sorgerecht. Eine Ohrfeige in der Kneipe ist Körperverletzung. Eine Ohrfeige in der Küche ist zu oft ein Beziehungsstreit. Auch die Sprache tut ihren Teil: Wenn ein Mann seine Partnerin tötet, heißt es im Lokalteil bis heute Beziehungsdrama, Familientragödie, Eifersuchtstat. Ein Drama hat keinen Täter. Ein Femizid hat einen.
Zur Folge
Anlass dieser Ausgabe von Daniels Daily ist der öffentlich gewordene Fall des YouTubers Jean Pierre Kraemer. Daniel Fürg nutzt das dreitägige Aufmerksamkeitsfenster, das ein prominenter Name schafft, für eine nüchterne Lektüre des BKA-Lagebilds, der Dunkelfeldforschung und der Schutzinfrastruktur — und für die Frage, warum der Takt der Uhr sonst niemanden erreicht.
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, kostenlos, anonym, rund um die Uhr, auch für Angehörige.